Zwanghaftes Denken - und der Weg, es abzustellen  erste hilfe 4

Worum es geht

Nach meinen Beobachtungen (ich befrage Menschen seit ca. 15 Jahren) ist die überwiegende Mehrzahl der Bevölkerung nicht imstande, willentlich mit dem „Denken“ aufzuhören. Nicht sie haben Gedanken, die Gedanken haben sie: das Denken ist zwanghaft. Von früh bis spät, oft auch noch im Bett, füllt ein steter Strom von Gedanken ihren geistigen Innenraum aus. Stille Präsenz ist ihnen unbekannt.

Wer sich die Mühe macht, diesen Gedankenstrom mitzuschreiben, stellt fest, dass ca. 85% davon absolut irrelevant sind und nichts zur Lebensgestaltung und -bewältigung beitragen. Es ist nur verzichtbarer Lärm im Kopf. Funktechniker sprechen von „noise“.

Gleichzeitig erfahren wir aus den Medien, dass psychische Erkrankungen exponentiell zunehmen, auch psychisch bedingte Krankmeldungen in Unternehmen, und dass mehr Psychopharmaka verkauft werden als jemals zuvor, vom einfachen Schlaf- oder Beruhigungsmittel bis zum starken Antidepressivum bzw. Neuroleptikum. Ich sehe hier einen kausalen Zusammenhang.

Ich sehe in diesem zwanghaften Dauerdenken einen Besorgnis erregenden pathogenen Zustand, ja eine regelrechte Volkskrankheit, die so weit verbreitet ist, dass sie als „normal“ gilt. (Was statistisch normal ist, kann doch nicht krank sein!) Diejenigen, die Alarm schlagen könnten und sollten (Ärzte, Neurologen, Hirnforscher) sind meist selber davon betroffen (zwanghafte Dauerdenker) und erkennen die Gefahr nicht.

In der Psychologie wird eine gewisse Zwanghaftigkeit durchaus erkannt, aber die Ursachen werden in den Symptomen vermutet: ständige Erreichbarkeit per Mobiltelefon, „SMS-Sucht“, Gaming, Dauerberieselung mit Musik, zwanghafter TV-Konsum… Das sind alles nur Symptome. Die Ursache liegt im Unvermögen der Menschen, aus ihrem steten Gedankenstrom und zwanghaften Objektbezügen auszusteigen und gelegentlich stille Präsenz einkehren zu lassen.

Wie können wir ungewolltes Denken stoppen?

Da ich selber lange Jahre in diesem Zustand verbracht habe, weiß ich genau, wovon ich spreche. Allerdings habe ich inzwischen gelernt, aus meinen Gedanken auszusteigen wann immer ich es möchte. Das Verfahren ist nicht schwer: Man braucht die Wahrnehmung nur zu öffnen (nicht „abschalten“. Das geht nicht!), so dass der innere „Benenner“ angesichts der Fülle simultaner Sinneseindrücke überfordert ist und notgedrungen schweigt. Da wir aber ohne Namen und Worte nicht denken können, hört das Denken ohne sie ganz von alleine auf. Stattdessen stellt sich eine stille und entspannte Präsenz ein, die von allen, die sie kennen lernen, als äußerst angenehm empfunden wird. Alle Sinne sind offen: das Hier-und-Jetzt wird zum Erlebnis.

Wie das Verfahren im Einzelnen funktioniert habe ich in Büchern und Youtube-Videos beschrieben. Links dazu finden Sie auf meiner Website unter „Bücher/Videos". Dort habe ich auch eine „Erste Hilfe-Seite“ für Betroffene eingerichtet: „Endlich Stille im Kopf“ unter der Überschrift „Meditation“ (roter ERSTE-HILFE-Link oben). Wer den dort gegebenen Anleitungen folgt, kann innerhalb kürzester Zeit den Gedankenstrom zum Stillstand bringen. Im Wesentlichen geht es darum, die Enge des Tunnels, den die Gedanken vorgeben, zu verlassen. Das geschieht durch eine gleichzeitige panoramische Öffnung der Sinne (Sehen, Hören, Spüren) für Sinneseindrücke, die im Moment tatsächlich gegeben sind:

1. die Erweiterung der visuellen Aufmerksamkeit bis in die Augenwinkel; 
2. gleichzeitige Öffnung der akustischen Aufmerksamkeit für alle vorhandenen Geräusche; 
3. 
Vertiefung der körperlichen Aufmerksamkeit - speziell auf die Atmung und auf die Muskulatur (s.u.).

Sind diese drei Wahrnehmungskanäle gleichzeitig offen, so hört das Denken von selber auf. Es stellt sich ein Zustand ein, in dem wir alles sehen was zu sehen ist, gleichzeitig alles hören was zu hören ist - und uns selber inmitten all dieser Eindrücke als erlebenden Menschen wahrnehmen: sehr klar, ruhig und entspannt. Statt des Denkens erleben wir Präsenz: Hellwache Gegenwärtigkeit ohne Denken.

Wofür Nicht-Denken gut ist

Nicht zu denken taugt, scheinbar, zu gar nichts. Tatsächlich ist ein Mensch, der überhaupt nicht denkt, nicht überlebensfähig. Aber einen steten und pausenlosen Strom von Gedanken ertragen zu müssen, über den man keine Kontrolle hat und dessen Relevanz zumindest fragwürdig ist, ist auch nicht so gut. Hier wird klar, dass es um eine Balance zwischen den beiden Zuständen gehen muss. Und diese Balance kann von Mensch zu Mensch durchaus verschieden sein. Entscheidend ist, dass wir lernen, jederzeit und willentlich zwischen Denken und Nicht-Denken zu wechseln, so wie wir es wollen. Das einfache Verfahren, das ich hier vorstelle, ermöglicht genau das.

Was dabei zu beachten ist…

Dabei ist zu beachten, dass gedanklicher Tonus (mentale Anspannung) immer einhergeht mit einem subtilen körperlichen Tonus, also Muskelspannungen. In einem vollkommen entspannten Zustand ist es unmöglich, einen Gedanken zu fassen. Ich habe über meine diesbezüglichen Experimente anderenorts ausführlich berichtet 1). Das bedeutet, dass die oben skizzierte Methode nur die eine Hälfte eines Ganzen darstellt, zu dem Geist UND Körper gehören. Wer das Verfahren gründlicher erforschen und anwenden will, tut gut daran, sich eine persönliche Entspannungstechnik zuzulegen. Ich verwende seit Jahrzehnten meine persönliche Variante der „Progressiven Muskelentspannung“ nach Edmund Jakobson. (Der „persönliche“ Teil ist, dass ich beim Aktivieren der jeweiligen Muskelgruppen immer der Lust folge.) Wenn die Erweiterung der Aufmerksamkeit von zunehmender Muskelentspannung begleitet wird, ist die Wirkung noch stärker. Für die feine (und feinste) Entspannung der Muskulatur bedarf es allerdings eines gut geschulten Innengewahrseins. Das gleichzeitige Achten auf die Gedanken und die Muskulatur verfeinert dieses Innengewahrsein: Was am Anfang - als Übung für Leib und Seele - viel Achtsamkeit erfordert, wird im Laufe der Zeit ganz selbstverständlich und mühelos.

Noch etwas ist von Bedeutung: Das zwanghafte Denken mag uns als Problem erscheinen, besonders wenn wir darunter leiden. Allerdings ist es gut möglich, dass der andauernde Lärm im Kopf selber die Lösung eines ganz anderen Problems ist - das wieder in Erscheinung treten kann, sobald der Lärm, der es überdeckte, aufhört. Zum Beispiel kann ein Kindheitstrauma, das gut verdrängt im sprichwörtlichen Keller jahrzehntelang sein unbewusstes Dasein fristete, in unserer neu entdeckten Stille wieder an die Oberfläche kommen: als Traum, als Emotion oder als ein Gedanke, der sich nicht in die neue Stille fügen will. Das ist keine Katastrophe und auch nicht gefährlich. Im Gegenteil: Es ist ein Teil der Heilung die wir anstoßen, wenn wir lernen, uns dem Gedankenzwang zu entziehen.

Schlussfolgerung

Nicht das Denken ist es, an dem so viele Menschen leiden. Es ist das Gefühl der Ohnmacht: sie wissen nicht, wie sie den Strom ihrer Gedanken anhalten können. Mit diesem einfachen Verfahren können sie jederzeit willentlich aus dem Denken aussteigen und in eine stille Präsenz eintauchen, die ihnen gut tut. Haben sie das Verfahren erst verstanden, dann können sie selber beschließen, wann und wie oft sie aus dem Denken in einen Zustand innerer Stille wechseln wollen - und umgekehrt. Eine persönliche Balance zwischen den beiden Zuständen zu finden trägt sehr zur Intensivierung der körperlichen und geistigen Präsenz im Alltag bei und erhöht dadurch die Lebensqualität erheblich.

 1) George Pennington, Shadowrider (Lenzwald Verlag 2013) p.76-86: Muscle tonus and mental tonus
Anmerkung des Autors: Denen, die das Denken und das Nicht-Denken sorgfältiger erforschen und verstehen lernen wollen, seien die Tafeln von Chartres ans Herz gelegt. Sie ermöglichen es, auch subtilste mentale Prozesse mit großer Klarheit zu beobachten. (Siehe "Meditation".)
Am 16. März halte ich an der VHS Augsburg einen Vortrag zu diesem Thema (s. "Aktuelles).